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Neue Perspektiven aus dem Heli und vis-à-vis mit der Wolfsma

Von Gaby Westerkamp

Das gefürchtete Zika-Virus kommt wie ein filigranes Mandala in allen Regenbogenfarben daher. Reifende Blutplättchen schillern in abstrakten Strukturen neongrün, royalblau und violett, Proteine „blühen” in einem dreidimensionalen Kranz. Auch das ist fotografierte Natur – allgegenwärtig, aber fürs bloße Auge nicht sichtbar. Das schafft nur die Kryo- und Fluoreszenzmikroskopie, die mit Doppellaser-Verfahren in kaum fassbarer Extremvergrößerung zeigt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die Biochemikerin Dr. Franziska Zumbrägel nahm die rund 270 Gäste der Stapelfelder Fototage in ihrem Diavortrag mit in diese faszinierende Nische, in der sich Wissenschaft und Kunst begegnen.

Mit ihrem „Ausflug in die molekularen Strukturen der Natur” eröffnete die Leiterin des Umweltzentrums Oldenburger Münsterland in Stapelfeld das dreitägige Programm, in dem international renommierte Profis, Themen-Spezialisten und auch Newcomer einmal mehr bewiesen, dass die Natur als Motiv niemals auserzählt ist. Vor allem, wenn man sie aus sehr ungewohnten Winkeln betrachtet. So wie die Luftaufnahmen von Bernd Uhde, der aus dem Heißluftballonkorb und angeschnallt am Hubschrauberfenster aus einer Höhe von 150 bis 300 Metern einfach nur senkrecht mit der Kamera nach unten schaut. Und dabei über Agrarfeldern, Friedhöfen oder Stadtdächern verblüffende Bilder findet.

Der gerade Blick nach unten verblüfft mit dem Bild im Bild

Auf den Hubschrauberkufen zu frieren, sei „alles andere als romantisch“, schmunzelte Uhde, der bei einem Ballöner-Treffen in Italien das erste Mal in die Luft ging. Der Versuch als Gleitschirm-Co-Pilot klappte nicht so recht. Aber als sein Fluglehrer dann den Helikopter-Schein machte, ergaben sich für den Fotografen immer wieder Mitflug-Gelegenheiten – die er bis heute gern nutzt.

So entstanden über die Jahre verschiedene Themenserien wie „Urban Surfaces” über der Stadt, „Landscape under cover” mit landwirtschaftlichen Feldern unter Folien oder das „White Album” mit Schnee-Fotos. Immer inspiriert von Motiven aus der bildenden Kunst. Der Blick nach unten ist schwierig, weiß Bernd Uhde. Denn „ der Mensch ist eigentlich horizontal orientiert”. Die Senkrechte sei deshalb nicht so einfach zu „dechiffrieren”. Allerdings ist ihm „die topoprafische Identifizierbarkeit“, so Dr. Martin Feltes in seiner Einführung, auch gar nicht wichtig, sondern viel mehr die freie individuelle Interpretation im Kopf der Betrachter. Und so tauchen in der Sandgrube von Baggern gezeichnete Gesichter auf, eine Kalkauswaschung malt eine Blumenvase mit zarten Frühlingszweigen mitten auf den Acker und die Baumschule im Schnee erinnert an ein Notenblatt. Eine Auswahl seiner Bilder zeigt die begleitende Ausstellung, die noch bis Ende April in der Akademie zu sehen ist.

Rückblick auf vier Jahrzehnte Naturfotografie in Schottland

Echte „Evergreens” der Naturfotografie sind die Bilder von Laurie Campbell, der eine Retrospektive aus 40 Jahren Fotoleidenschaft in seiner schottischen Heimat zeigte. Von den Schwänen auf dem See vor seinem Elternhaus und Dachsen beim Vogelfutterklau über Seevögel an der Küste und Igel-Silhouetten im Abendlicht bis zum Otter am Fluss reichte das Portfolio seiner Auswahl. Ob auf Diafilm oder digital fotografiert, ob Tiere, Pflanzen ganz nah dran oder Landschaften im Panorama: Ein Könner, damals wie heute.

Zu seinem „Taking Stock”, seiner Bestandsaufnahme nach vier Jahrzehnten Fotografie, gehörten auch Einblicke in den Arbeitsalltag. Zum Beispiel im Tarnversteck vorm Landeplatz ebenso imposanter wie aufmerksamer Seeadler: „Der Adler hört das Klicken des Auslösers“, berichtete Campbell. Also: „Immer nur ein Klick und dann warten”. So gewöhnt sich der Greifvogel an das Geräusch und beeindruckende Fotos werden möglich. Das klappte besser als seinerzeit der Ausflug mit dem Wohnmobil in die Highlands: Das Vehikel blieb prompt im Schlamm stecken und musste von Bauern aus der Nachbarschaft herausgezogen werden: „Das kostete mich vier Flaschen Whisky!”

Puma-Paarung in der Felswand

Noch nicht ganz so lang dabei, aber ebenso etabliert in der Szene ist Ingo Arndt, für den National Geographic in Patagonien an der Südspitze Südamerikas sein „Puma-Land” entdeckte und dabei den Berglöwen so nah kam, wie wohl niemandvor ihm. Über mehrere Jahre verteilt reiste er quer durch alle Jahreszeiten mehrfach für insgesamt sieben Monate in diese unwirtliche, raue Region und machte sich zusammen mit Fährtenlesern und Trecking-Guides auf die Suche nach den scheuen, dämmerungs-und nachtaktiven Pumas. Und fand im Nationalpark „Torres del Paine” schließlich zwei Weibchen mit ihren heranwachsenden Welpen, die er beim Spielen, Fressen und Schlafen beobachtete –bei den späteren Kontakten manchmal bis zu 15 Meter nah dran. „Die Tiere haben mich wieder erkannt”, ist sich Ingo Arndt sicher.

Und so gelangen ihm schließlich sogar Aufnahmen, die es bislang nicht gab: Noch nie hatte jemand Pumas bei der Paarung fotografiert. Arndt entdeckte ein Pärchen „in flagranti“ mitten in einer Felswand. Auf sein wichtigstes Wunschmotiv aber musste er lange warten: Ein Puma auf der Jagd, just im Sprung auf ein Guanako-Lama. Mit stundenlanger Geduld und noch mehr Glück gelang ihm letztlich aber auch dieser spektakuläre „Schuss”.

Wolf als faszinierendes Wildtier wahrnehmen

Dass man Raubtiere nicht mal eben so im Vorbeigehen ablichten kann, sondern viel, viel Zeit einplanen, Wetter und Komfortfreiheit aushalten und Frustrationen wegstecken muss, um ein paar wenige gute Fotos zu schießen, das weiß auch Jürgen Borris. Er musste allerdings nicht ganz so weit reisen: Seine Wölfe sind auch im Wildpark Solling-Neuhaus gleich hinter seinem Haus in der Lüneburger Heide heimisch. Die verbreitete Diskussion über die Wolfsproblematik ließ er bewusst außen vor. Ihm ging es in seinem Diavortrag darum, den Wolf „einfach mal als Mitgeschöpf und faszinierendes Wildtier wahrzunehmen”.

Zwei Jungrüden und ein Weibchen bildeten 2010 das neue Neuhauser Rudel. Borris war bei der Umsiedlung der Tiere dabei und blieb ihnen seitherauf dem Truppenübungsplatz bei Munster mit der Kamera auf der Spur. Schwarzer Sattel auf dem Rücken, schwarzer Fleck mittig auf dem Schwanz, dessen Spitze ebenfalls schwarz ist: Das sind Kennzeichen des Europäischen Grauwolfs, erklärte der Fotograf. Er „sieht sehr gut”, hat feine Sinne und ein kräftige druckvolles Gebiss. Wichtige Ausstattung bei der Jagd auf Rehe (zu 50%), Rotwild (ca. ein Drittel) und Wildschweine (15 %).

Die Wölfe im Solling erlebte Jürgen Borris als neugierig und aufmerksam, grundsätzlich aber sehr scheu. Seine Fotos zeigen das wölfische Familienleben mit den kleinen und heranwachsenden Welpen, die gern mal auf dem Panzertreck spielen und bei Gefahr von der Mutter schnell in die Zweithöhle gebracht werden. Zum Beispiel wenn ihr „das gruselig stinkende Wesen” unter dem Tarnzelt bei ungünstiger Windrichtung nicht geheuer ist. Unter diesem Versteck hockte Borris oft etliche Stunden und verbrachte viel Zeit damit „die Schönheit der Birkenrinde zu erkunden”. Doch so viel Ausdauer wurde auch immer wieder belohnt.

Indian Summer bei Regen im Ostharz erleben

Etwas einfacher ist das Fotografieren im Ostharzer Bode-Tal, das Willi Rolfes als vielversprechendes Reiseziel für Naturfotografen empfahl – „am besten an einem nassen Herbsttag”. Denn neben der Dynamik des Flusses und der einzigartigen Landschaftsvielfalt in der tiefen, vom Wasser geschliffenen Felsenschlucht beeindruckt dann auch der dichte Laubwald mit seinem leuchtenden Indian-Summer-Farben. Hier sollte man sich Zeit nehmen, ausgiebig mit Bewegung, Belichtungszeit und Reflexionen zu experimentieren, riet Rolfes, der zu verschiedensten seiner Motive auch technische und praktische Tipps gab.

So kann man von Quedlinburg –mit seiner sehenswerten Altstadt –mit dem Bus günstig nach Thale fahren und von dort aus zu Fuß den spannendsten Abschnitt der Schlucht erkunden. Ein Wanderweg (streckenweise beidseitig) führt den Besucher ganz nah heran ans Flussufer mit den steilen Felswänden, den verstreuten Granitblöcken und dem Wald. Hier bieten sich unendliche Motive an, denen man unter verschiedensten Themenansätzen und inspiriert von Literatur, Farben und Begegnungen auf die Spur kommen kann.  So zeigte Rolfes Interpretationen des Wassers –mal sanft fließend, mal rauschend, mal im Strudel tanzend –poetische Illustrationen zu Hermann Hesse und anderen Dichtern, Kleinode vorm Makroobjektiv und die Wirkung vom ersten Schnee auf noch belaubten Herbstbäumen. Und Begegnungen –mit Waschbären und Eichhörnchen, Wildschweinen und Eisvögeln, Wanderfalke und Baummarder. Seine Begeisterung für dieses Fotoziel steckte an und könnte in diesem Jahr wohl einige der Zuhörer in den Harz locken.

Sichtbar machen, was andere übersehen

Rund um Braunschweig machen sich Anja und Frank Preiß auf die Suche nach Naturinseln inmitten von nüchternen Kultur- und Industrielandschaften. Dabei geht es nicht um verborgene, schwer erreichbare Winkel. Die beiden Fotografen machen mit ihren Bildern in ganz bekannte, oft viel frequentierten Orten das Schöne sichtbar, das andere meist übersehen – im Spiel mit Licht und Farben, mit Unschärfen und Perspektiven.

In einem Werkstattbericht erzählte Volker Bohlmann, wie er zusammen mit mehreren Kollegen im UNESCO Biosphärenreservat Schaalsee im Westen Mecklenburgs Tiere und Pflanzen portraitierte und daraus eine Ausstellung und eine Multivisionsshow erarbeitete.

Lichtmalerei dem Gefühl folgend

Weniger dokumentarisch als künstlerisch arbeitet die Architektin Birgit Potthoff. Während ihr Beruf von Technik und messbaren Fakten geprägt ist, folgt sie in ihrer Freizeit mit der Kamera draußen vor allem ihrer Intuition – und „malt” mit Lichtreflexionen und Bokleh, mit Ausschnitten und Perspektiven, Farben und Makros Bilder, die im Großformat an der Wand die Zuschauer mit ihrer besonderen Ausstrahlung verzauberten.

Wie Birgit Potthof hat auch Maximilian Hornisch seine ganz eigene, auf wesentliche Aussagen reduzierte Bildsprache gefunden, die eine sanfte Melancholie atmet. Viele seiner Stimmungen „aus Licht und Schatten” leben vor allem an den Rändern der Nacht, gezeichnet mit fragilem Schein.

...und noch mehr

In den vertiefenden Workshops, die alle Referenten ergänzend anboten, hatten die Foto-FansGelegenheit, je nach persönlichem Interesse noch einmal tiefer nachzuhaken. Viel genutzt wurden auch die Büchertische, der CEWE-Fotodrucker und der kleine Fotomarkt. Und in ihrer Sprechstunde half Angela von Brill manchem Verzweifelten bei Problemen mit der „verflixten Technik”.

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Artikel in der NWZ über die 8. Fototage

artikel nzw 2019