Gaby Westerkamp
Auch bei der 13. Auflage der Stapelfelder Fototage bestätigte sich einmal mehr: Die Naturfotografie ist niemals auserzählt. Die rund 200 Gäste erlebten einmal mehr spannende und wieder ganz neue Spielarten der Begegnung von Kamera und Natur – in der heimischen Region oder in fernen Territorien, aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet, als sinnliche Wahrnehmung oder auch als Reisebericht mit Making-of-Einblicken. Neben den Multivisions-Vorträgen stellten sich die Referenten in vertiefenden Workshops den Fragen der Teilnehmenden und in den Pausen blieb Zeit für Kontakte und Infos auf dem kleinen Fotomarkt.
Haut und Erde in der Kunst: Wo sich Mensch und Natur berühren
Was geschieht eigentlich, wenn Haut auf Erde trifft? Wenn der Mensch nicht nur vor der Natur steht, sondern sich mit ihr einlässt – tastend, spürend, vielleicht sogar verschmelzend? In seinem Eröffnungs-Vortrag zeigte Kunsthistoriker PD Dr. Alexander Gottlob Linke, wie Künstlerinnen und Künstler immer wieder die Berührung zwischen Körper und Landschaft suchen – in der Vergangenheit, vor allem aber in der zeitgenössischen Kunst. Ob in den fragilen, aus Naturmaterialien gewachsenen Arbeiten von Lucia Keidel, in den pflanzen-zentrierten Positionen Zheng Bos oder in den Körperspuren in Erde und Sand von Ana Mendietas – stets wurde deutlich: Hier geht es nicht um Abbild, sondern um Beziehung. Um Nähe. Und um die leise, manchmal sehr körperliche Erinnerung daran, dass wir Teil dieser Natur sind. Und wie intensiv, verletzlich und zugleich kraftvoll diese Berührungen sein können – als poetisches Verschmelzen, als stiller Protest oder als Nachdenken über unsere fragile Beziehung zur Natur.
Pralles Leben nicht nur im Wisent-Fladen
Mit beeindruckenden Aufnahmen zeigte Dr. Hannes Petrischak von der Heinz-Sielmann-Stiftung tierische Lebensgemeinschaften in der Döberitzer Heide. Eichenwälder, Sandflächen, Heide, Wiesen und Gewässer bilden hier ein Mosaik unterschiedlichster Lebensräume. Die Tiere leben frei, sich selbst überlassen, ohne medizinische Betreuung – in einer spannenden Balance, aus der faszinierende Vielfalt entsteht.
Die Kamera war ganz nah dran an Wisentherden mit Mutterkühen und Kälbern, erfasste massige Einzelgänger-Bullen, die bis zu 60 km/h erreichen können. Rotwild und Przewalski-Wildpferde knabberten als „Äse-Gemeinschaft“ zusammen an jungen Birken. Und dann eine seltene Begegnung: Aug und Aug mit Wolfswelpen auf einem Waldweg.
Besonders eindrücklich wurde der Blick ins Detail. Im Wisent-Dung entfaltet sich geballtes Leben: Käfer, seltene Insektenarten, einiges davon auf Roten Listen geführt. Weil nicht eingegriffen wird, bleibt der Nährstoffkreislauf intakt – Fladen pur! Auf phosphatreichen Wolfslosungen tummeln sich die Raupen einer später illustren Schmetterlingsgesellschaft. Sich wälzende Wisente halten viele Bodenflächen offen – ein wertvoller Lebensraum für Wildbienen, Ölkäfer, Grabwespen und viele andere Insekten. Dazu Vogelreichtum, Eidechsen und temporäre Gewässer mit „trüber Krebssuppe“ voller Urzeitkrebse – ein eindrucksvolles Plädoyer für das Zulassen von freier Natur und wohldosiertem Schutz.
Gänsehautmomente – gefühlt mit Licht, Stille und Poesie
Ein Highlight: Dr. Jutta Kalbitz und ihre „erlebten Landschaften“, die sie mit wundervollen Aufnahmen, gemalt aus Licht und Stille, und fast poetischen Worten vorstellte. Ihr geht es weniger um Dokumentation oder wissenschaftliches Interesse; sie sucht, findet und transportiert Gefühle, erzählt von Leichtigkeit und Glücksempfinden unterwegs. Sie verfolgt keinen künstlerischen Anspruch – den ihre Fotos aber wunderbar erfüllen. Und das möglichst echt – ihre Nachbearbeitung beschränkt sich auf leichte Anpassungen in Farbtiefe oder Kontrast.
Himmelsspektakel und Landschaften, Lichtstimmungen und das Spiel mit Bokeh, Wasserspiegelungen – mal wuchtig expressiv, dann wieder feen-gleich schwebend. So nimmt sie das Publikum mit durch alle Jahreszeiten, vom zarten Frühling über den lebensfroh-prallen Sommer und den farbenrauschenden Herbst bis in den kargen Winter. Doch selbst bei Frost und Eis, haben ihre Bilder etwas Wärmendes: Gänsehautmomente, die einen eigenen Bildband mehr als verdient hätten.
Astro-Fotografie: Magie des Nachthimmels mit wenig Technik einfangen
Ob auch Katja Seidel beim Fotografieren des nächtlichen Sternenhimmels manchmal eine Gänsehaut bekommt, ist nicht überliefert. Aber man könnte es sich schon vorstellen, denn die Momente die sie in ihren Aufnahmen festhält, muten sphärisch, manchmal fast magisch an. Zauberhafte Lichtstimmungen, die Milchstraße und Sternbilder, Kometen und Polarlichter, fotografiert in aller Welt. Und auch wenn sie dafür lange Reisen mit dem Flieger nach Chile oder in ihrem Campingbus ins tiefwinterliche Nordnorwegen auf sich nimmt: In Sachen Technik hält sich der Aufwand in Grenzen. So erklärte Katja Seidel dem Vortragspublikum und den Teilnehmenden ihres Workshops, wie man tolle Astro-Aufnahmen mit einer üblichen Spiegelreflex-Ausrüstung fotografieren kann. Damit das gelingt, gehören allerdings immer eine detaillierte Planung und Vorbereitung samt fachkundiger Wetterberechnungen dazu. Wer dann noch viel Zeit und Geduld mitbringt, hat auch ohne Special-Equipment die Chance auf wunderschöne Bilder.
Kreative Reise in die Natur „so wie wir sie sehen“
„Natur muss nicht spektakulär sein, um zu inspirieren.“ Daniel Böttcher und Christine Averberg finden ihre Bilder vor allem spontan bei abendlichen Spaziergängen im münsterländischen Beckum. Erstmal eine eher unaufgeregte Umgebung. Und doch entstehen hier Bilder, die überraschen. Mit wachem Blick fürs Besondere im vermeintlich Unscheinbaren verwandeln sich heimische Tiere und Pflanzen vor ihren Kameras in wunderbare Momentaufnahmen. So wie das blaue Leberblümchen, mit dem kurz vor dem Corona-Lockdown der gemeinsame Weg der Beiden begann und das eine Konstante ihrer gemeinsamen Arbeit geblieben ist. Zumindest tauchte in ihrem Vortrag des Öfteren auf – immer wieder anders, immer wieder neu. Wie so viele Motive, die auch mal bis zur Unkenntlichkeit verfremdet sein dürfen.
Denn Averberg und Böttcher wollen die Natur zeigen „so wie wir sie sehen“. Und das muss nicht unbedingt dokumentarisch korrekt sein. Aber ehrlich und unverfälscht: „Unsere Fotos entstehen in der Kamera, nicht am Computer!“
Neben ihrer Heimat haben sie so auch andere Ziele für sich entdeckt und erzählten auch von Workshops im Wald und von Touren nach Schweden, wo die Fjälle zu einem Lieblingsziel wurden. Doch der Blick bleibt derselbe: neugierig, experimentierfreudig und offen für das Besondere im Alltäglichen.
Entschleunigung vor der Haustür – Nebel für die Seele
Auch Felix Wesch bleibt meist „nebenan“. Auch er ist vorwiegend in der Nähe seines Wohnortes unterwegs: Zunächst rund um Wien, später in den Donau-Auen und inzwischen im Raum Marburg-Lahn. Doch ist dieses Revier für ihn kein kreatives Spielfeld, Weschs Zugang ist ein anderer, existenziellerer. In seinem Vortrag sprach er überraschend offen, wie er zur Fotografie gefunden hat: In einer psychischen Ausnahmesituation, im Glauben, nur noch wenig Lebenszeit vor sich zu haben, trieb es ihn hinaus. Raus in die Natur, „einfach drauflos geknipst“, auf der Suche nach schnellen positiven Ergebnissen. Die Naturfotografie wurde zum Anker. Was er selbst „fast toxisch“ nennt, war Halt und Überlebensstrategie zugleich.
Bis heute versteht er sich als „fotografischer Opportunist“: ohne Plan oder Konzept, gern mit dem Fahrrad unterwegs, bereit für das, was sich zeigt. Von der Ferne zu träumen war für ihn keine Option, denn er erwartete eine nur noch kurze Lebenszeit. Es kam zum Glück anders, doch das Suchen der Stille prägt ihn bis heute, draußen wie in der eigenen Seele. Seine Bilder tragen das in sich – morgendunstige Wälder, stille Wiesen und Seen, reduzierte Strukturen im Schnee. Und immer wieder Nebel. Denn „Nebel macht alles besser.“ Vielleicht, weil er die Welt ein wenig leiser macht – und damit auch das Innere.
Termiten bewundern und Schimpansen „beim Leben zugucken“
Von nebenan zu ganz weit weg: Mit dem Biologen Dr. Hans-Peter Schaub ging es an die Elfenbeinküste, in den Regenwald des ivorischen Taï-Nationalparks. Schon die Reise dorthin war Teil der Geschichte. Auf die Landung mit dem Flugzeug folgte eine lange Autofahrt über ruppige Pisten, durch tiefe Pfützen, vorbei an Holzrodungen, Palmöl-Plantagen sowie Kakao- und Kautschukanbau. Und dann ein langer Fußmarsch mit einheimischen Guides tief hinein in das satte Grün des Waldes: Baumriesen mit mächtigen Brettwurzeln, Farne, Blüten, Flechten und Moose.
Das Camp lag mitten im Wald – Safarizelte, ein Wassereimer mit Schöpfkelle als Dusche, dazu eine talentierte Köchin und Solarzellen für Strom und Kamera-Akkus. Von hier aus gelingen Schaub eindrucksvolle Beobachtungen einer artenreichen, wenn auch dünn besiedelten Tierwelt. Wer Schimpansen „beim Leben zugucken will“, muss eine Nachtwanderung auf sich nehmen, um beim Erwachen im Morgengrauen unter ihren Baumnestern zu stehen und ihnen dann zu folgen. Mühevoll – und lohnend. Faszinierende Bilder zeigen die Affen als Familientiere mit Nachwuchs, bei der gegenseitigen Fellpflege oder auch beim Nüsseknacken mit schweren Steinen als Werkzeug.
Neben den Schimpansen liebt Schaub auch die eleganten Dianameerkatzen – „sind die nicht schön?“ Doch auch andere Tiere begeistern ihn, so die Termiten mit ihren monumentalen Nestbauten, Dutzende von Schlangenarten und das Zwergflusspferd-Baby, das er zufällig entdeckte, als sein Kanu an Baumwurzeln im Wasser strandete. Weniger schön waren Begegnungen mit stacheligen Raupen und mit Mango-Würmern. Letzteres bat er Interessierte, lieber selbst mal zu googlen...
Stein-reich und verblüffend lebendig: Das Bergische Land
Zurück nach Deutschland. Viel Regen, viele Gewässer und Stein-reich: Da ist das Bergische Land, in dem zwei „Sturköpfe" sich anfreunden und ein gemeinsames Fotoprojekt starten: Frauke Fuck und Uwe Wuller präsentierten in Stapelfeld ihre Bilderserie „Landscape meets Macro" und zeigten die Vielfalt an Naturlebensräumen und entsprechenden Motivmöglichkeiten. Das Bergische Land, das übrigens nicht wegen seiner Mittelgebirgszüge sondern nach den historischen Grafen von Berg so heißt, hat in Wäldern, an Gewässerufern, auf Wiesen und Lichtungen viel für die Kamera zu bieten. Beeindruckend waren aber vor allem die Aufnahmen aus den alten Steinbrüchen, in denen frühere Generationen Basalt, Kalkstein, Granit und anderes abgebaut haben. Inzwischen aber hat sich die Natur längst die Areale zurückerobert und die vermeintlich trostlosen Felsen und Steilhänge verblüffen mit sattem Leben. Regen inszeniert Strukturen, Färbungen und Fossilien im Stein, auf Terrassen und Balkonen in den von Moosen, Farnen und Dornenranken überwucherten Abbruchkanten nisten Vögel und wachsen seltene Blumen, auf der Wiese im Abbruchkessel tummeln sich Falter, Heuschrecken und Wildbienen. Die beiden Fotografen fangen all das gekonnt ein.
Heimisches Naturerbe schützen: Lebensader „Hase“
Aufmerksamkeit auf die Flora und Fauna des Oldenburger Münsterlandes lenken und für deren Schutz und Erhalt werben: Das hat Willi Rolfes schon seit Jahren zu einer Kernaufgabe seiner fotografischen Arbeit gemacht. Die Hunte und die Ahlhorner Fischteiche, das Goldensteder Moor und der Dümmer – schon in zahlreichen Bildbänden portraitierte er die Schönheit und Vielfalt der heimischen Natur, mit ihrer Kraft und in ihrer Zerbrechlichkeit. Das aktuellste Projekt ist die „Hase“, der er mit der Kamera von den Quellen im Teutoburger Wald bis zur Mündung in die Ems bei Meppen folgte. In Stapelfeld zeigte und erklärte er in fünf Etappen, wie der kleine Fluss nach der Eiszeit entstand und wo landschaftliche Relikte bis heute sichtbar sind. Er skizzierte den Verlauf des Flussbettes mit den örtlichen Besonderheiten, berichtete wie die Hase früher kanalisiert und begradigt wurde und wo inzwischen Renaturierungen, Deichdurchbrüche, Altarm-Anschlüsse und Überflutungs-Biotope neue Lebensräume geschaffen haben – Leben pur im, am, unter und über dem Wasser. Eisvögel und Graugänse, Prachtlibellen, Lachse, Otter und vieles mehr ist in und an der Hase zu Hause – eine Lebensader, die es zu schützen gilt.
Von der Aufnahme bis zu Ausstellung: „Momente in Wald und Moor“
Wie immer gab es auch eine begleitende Ausstellung zu den Fototagen – erstmals als Gruppen-Portfolio. Zu sehen sind „Momente in Wald und Moor“ von Ines Adam, Andrea Aeckerle-Müller, Ewald Best, Marina Dittmers, Friedhelm Drees. Sabine Gebele, Jörg Hüttenhoff, Lothar Jandel, Karin Loewner, Johannes Ludwigs, Vanessa Möller, Heike Schendzielorz, Dirk Weise, Günther Wichert und Silvia Will. 15 Köpfe, ein riesiger Fundus an Motiven: Wie findet man da zusammen und wählt aus, wenn der Platz nur für 42 Motive reicht? Das erklärten einige der Mitwirkenden in einem Podiumsgespräch mit Sandra Bartocha.
Alle Teilnehmenden des Projektes kennen sich aus Fotokursen mit Willi Rolfes, der als Kurator auch für die Ausstellung die Fäden zusammenhielt, aber keine engen Vorgaben machte sondern auf Gemeinsamkeit und Miteinander setzte. Jeder brachte eine Auswahl mit, so häuften sich mehr als 200 Bilder auf dem großen Tisch. In verschiedenen Auswahlrunden reduzierte die Gruppe die Anzahl der Fotos, sortierte sie an Stellwänden und komponierte Motiv- und Stilgruppen. Letztlich wurden 42 Bilder großformatig auf Alu-Dibond-Platten ausgedruckt.
Dann kam eine entscheidende Frage: Wo wird welches Bild, welche Gruppe platziert? Gar nicht so einfach, denn hier gibt es viel zu beachten: Welche Wandflächen stehen zur Verfügung? Wo sind Türen und Fenster, wie sind die Laufwege, Lichtverhältnisse und so weiter. Das war dann doch eine Aufgabe am Computer, die Willi Rolfes übernahm. Er erstellte einen Übersichtsplan, der alle Besonderheiten der Architektur und Beleuchtung im Floyer und in den Fluren der Akademie berücksichtigte und fand so für jede Bildergruppe den optimalen Platz.
Die Künstlergruppe war rundum zufrieden und ist zu Recht stolz auf die Ausstellung, die mit Landschafts-Panoramen und Ausschnitten, Macro-und Detailaufnahmen eine große Bandbreite an Naturmotiven zeigt. Zu sehen ist sie noch bis Anfang Mai in der Katholischen Akademie Stapelfeld.
Fotos: Angela von Brill, Willi Rolfes
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