Von Bären und Blaumännern im Moor

2. Stapelfelder Fototage: Bandbreite moderner Naturfotografie

Cloppenburg-Stapelfeld – Wer dachte, bei den letztjährigen Fototagen in Stapelfeld schon alles gesehen zu haben, was die moderne Naturfotografie zu bieten hat, der erlebte bei der zweiten Auflage am vergangenen Wochenende manche Überraschung. Wieder hatte Willi Rolfes, Geschäftsführender Direktor der Katholischen Akademie und selbst ein versierter Naturfotograf, renommierte Fotokünstler aus ganz Deutschland und sogar aus Österreich und den Niederlanden nach Stapelfeld geholt, und diese zeigten in ihren Vorträgen wieder ganz neue Facetten, Stilrichtungen und Motiv-Welten.

Rund 200 Besucher waren bei dem seit Monaten ausverkauften Event dabei. In neun Dia-Shows warfen die Fotografen für sie ihre Bilder im Format eines Fußballtores an die Wand. Viele untermalten ihre Bilderserien mit Musik, einige spielten Video-Sequenzen sogar originale Ton-Kulissen mit Vogelgezwitscher, Grillenzirpen und anderen Tierstimmen mit ein – und holten damit die Natur von weit draußen hautnah erlebbar in den Saal. Dazu wurden verschiedene Workshops angeboten, in denen die Profis viele wertvolle Tipps weitergaben. Ergänzend gab es Büchertische mit Bildbänden der Referenten, Technik-Spezialisten gaben Anregungen und Hilfestellungen zu Kameras und Präsentations-Systemen, und ein Reiseveranstalter informierte über Touren zu beliebten Fotozielen.

Die Lüneburger Heide kann mehr als lila Hermann-Löns-Idylle. Das bewies Jürgen Borris in seinem Bilder-Streifzug durch diese Kulturlandschaft im Norden Deutschlands. Ohne die röhrenden Hirsche im Morgennebel kam auch er nicht aus, entdeckte aber abseits aller Klischees viel Sehenswertes, von raureif-überzuckerten Baumkronen über seltene Vögel wie die Himmelsziege oder kobaltblaue Libellen und noch seltenere Pflanzen wie den den Ackersenf bis hin zu zauberhaften Abendstimmungen. Manch ein Zuschauer dürfte nach diesem Vortrag demnächst mal einen Ausflug in die Heide planen.

Nur auf den ersten Blick trist ist auch das Moor, dem Willi Rolfes eine Hommage widmete. Mit Ginster, Seerosen und blühendem Wollgras, mit zarten Schmetterlingen, bunten Krickenten, filigrane Libellen, eleganten Kranichen, Frühjahrs-Versammlungen blauer Froschmännchen und vielen anderen Impressionen beschrieb er die alles andere als eintönige Tier- und Pflanzenwelt der Moorgebiete in der Region.

Die laichenden Frösche als „Blaumänner im Moor“ hatten mehrere Fotografen im Gepäck. Auch Thomas Hinsche, der mit beeindruckenden Aufnahmen und viel Wissenswertem dazu die romantischen Auen an den wilden Ufern der Mittelelbe vorstellte. Er hatte aber auch noch einige andere Kuriositäten der Natur zu bieten. Neben Biber und Eisvogel hat er das „Sommergoldhähnchen” mit orangener Punkfrisur und einen jungen Waldkauz als graues Wollknäuel hoch oben in einer Astgabel mit der Kamera eingefangen.

„Der liebt alles, was wild und gefährlich ist”: So kennt man Winfried Wisniewski, eines der Urgesteine der Naturfotografie in Deutschland. Nach vielen Reisen in die ganze Welt hat er in den vergangenen Jahren seine alte Liebe zum rauen Norden mit seinem klaren Licht und den intensiven Farben wieder entdeckt. Nach seinem Vortrag verstand jeder im Publikum, warum. Singschwäne über dem Hornburger See, Territorialkämpfe von Sterntauchern und Calypso-Orchideen in einem südschwedischen Moor, Seeadler im Schärengewirr vor Norwegen und Bodari, der alte Bär in den tiefen Wäldern Finnlands – Wisniewski und seinem Kollegen Werner Bollmann sind beeindruckende Aufnahmen gelungen.

Als „Junge Wilde” waren Kevin Winterhoff (25) und Hermann Hirsch (19) angekündigt – zwei Nachwuchsfotografen, die sich aber hinter den Größen der Szene nicht verstecken müssen. Das bewies ihre Bilderserie von Jungfüchsen im Wald und Flussregenpfeifern auf einer Dortmunder Industriebrache. Dazu gab es humorige Anekdoten von löcherigen Watthosen und vom müsli-kauenden Marathon im Tarnzelt, an dem demnächst ein Adler vorbeifliegen sollte – der nicht kam. Doch auch tragische Aufnahmen von staupekranken Tieren oder von verletzten Rehkitzen „gehören für uns dazu, wenn man Natur fotografieren will”.

Oft als Team unterwegs sind Karsten Mosebach und Bernhard Volmer im Teutoburger Wald. Und wenn die beiden in ihren Watthosen „auf Libellenjagd” im Wasser stehen, fühlt sich Frau Mosebach schon mal an Loriot's Herrendoppel in der Badewanne erinnert: „Ja, bis wir beide zufrieden sind, dauert's”, räumten die beiden in ihrem Vortrag über „Lust und Frust beim gemeinsamen Fotografieren” ein. Neben schönen Tieraufnahmen gewährte das Duo auch Einblicke in seine Trickkiste: So erfuhren die Zuschauer, wie man mit Köderfischen in einem schwarz lackierten und im Tümpel versenkten Fass sowie einem ausgeklügelten System aus Kamerastativen und Blitzgeräten drumherum fantastische Fotos von jagenden Eisvögeln machen kann. Klappt wohl nicht beim ersten Mal, aber mit Übung und Geduld vielleicht irgendwann mal...

Wie viel Aufwand und vor allem Hartnäckigkeit hinter richtig guten Naturfotos meist stecken, bestätigte auch der Niederländer Theo Bosboom. Der Rechtsanwalt, der seit Kurzem als Profi-Fotograf unterwegs ist, überraschte mit kreativen Motiv-Ideen, die man nicht so häufig sieht. Blumen, die hinter der regennassen Fensterscheibe einer Bushaltestelle verschwimmen, Brandungswellen, die in Großaufnahme zu Monstern mutieren, Tautropfen auf den Härchen einer Raupe, Eisblumen auf dem Mülleimerdeckel, grafische Schwarz-Weiß-Bilder von Gräsern im Schnee oder ein Laubblatt, das auf einem Bach schwimmt und von unten aufgenommen aus der Wasseroberfläche eine Leinwand für eine Anderswelt macht – Bosboom „malt“ mit den Elementen der Natur. Voraussetzung dafür ist die „Kunst des Sehens”. Hierzu gab er viele Tipps, Das Wichtigste: Dicht ran ans Motiv und immer wieder hingehen. Manchmal entsteht das eine, tolle Foto eben erst beim 20. Besuch am Strand.

Das weiß auch Heike Odermatt, die eine weitere Grundmaxime erläuterte: Mut zum Weglassen. Sie zeigte an ausgewählten Beispielen, wie aus einem ordentlichen Foto durch den richtigen Ausschnitt ein grandioses werden kann. Weltweit unterwegs, nahm ihr Vortrag das Publikum mit zu den Polarlichtern des Nordens, zu Wildpferden in den Niederlanden, Basstölpeln auf Helgoland und zu den Zebras in Kenia. Besonderen Applaus gab es für ihre Aufnahmen von den Pinguinen auf den Falkland-Inseln. Kokett winkend oder aristokratisch schreitend, aufgereiht wie ein Knabenchor oder als Schattenrisse vor der Abendsonne – dem Charme dieser Bilder konnte sich niemand entziehen.

Mit den modernen Digitalkameras machen die meisten Fotografen viele tausend Bilder, um ein paar richtig gute Motive herauszubekommen.  Ein gutes Dutzend solcher Knüller pro Jahr – damit sind Profis schon gar nicht unglücklich. Das gilt auch für Verena und Georg Hackner-Popp. Nur dass das Wiener Ehepaar eben nicht Terrabytes auf großen Speicherchips verknipst, sondern mit einer analogen Großformatkamera und Filmplatten auf Tour geht. Am liebsten an schwer zugängliche Orte, die zuvor noch nie oder nur selten abgelichtet wurden. Da will jedes Auslösen gut überlegt und vorbereitet sein. Das braucht Zeit und die lassen sich die Beiden ganz bewusst. Die Ergebnisse ihrer „entschleunigten Fotografie” brachten ihnen nicht nur in Stapelfeld großen Applaus ein. Skurrile Strandfelsen in Neuseeland, schroffe Felsküsten in Tasmanien, mystische Zypressensümpfe in Louisiana/USA, von Algen rosa gefärbte Salzlagunen oder verwachsene Baumstämme, die wie aztekische Fruchtbarkeitsstatuen anmuten: In aller Welt findet das Paar immer wieder Motive mit außergewöhnlichen Strukturen und Farben von intensiver Strahlkraft – ein echtes Highlight der Fotografenszene und auch im Programm der Stapelfelder Fototage.

Während der Fototage wurde zudem eine Ausstellung von Claudia Müller eröffnet, die in ihren Bildern die „Farben der Zeit” einfängt. Darin finden sich auch Motive, die nicht nur ein Abbild der Natur darstellen wollen, sondern auch Sinnbilder sein können. Das erklärte Kunsthistoriker Dr. Martin Feltes in seinem Vortrag.  Viele Landschafts-Motive prägten schon die Malerei des Mittelalters, betonte er. Und bis heute sei dieser reiche Schatz an interkulturellen Ursymbolen aktuell. Auch wenn man es nicht bewusst wahrnehme: Der Betrachter erspüre die Bedeutung. Der Berg als Ort der Gottesbegegnung und der Erleuchtung, der Baum als Symbol für den  Kreislauf  des Wachsens, Aufblühens und Verwelkens, der Wald für das Geheimnisvolle und Unbewusste, das Meer als Sinnbild unerschöpflicher Lebenskraft aber auch des alles verschlingenden Abgrundes – viele Werke aus der Kunstmalerei aber auch aus der modernen Fotografie zeigte Feltes als Beispiele und ermunterte die Besucher, die Aufnahmen der Naturfotografen in der Ausstellung und in den Dia-Shows auch einmal unter diesem Blickwinkel zu betrachten.

Viele der Besucher in Stapelfeld fragten schon nach der dritten Auflage der Fototage im nächsten Jahr. Der Termin steht schon fest: Vom 14. bis 16. Februar können sich die Foto-Fans und Naturfreunde auf ein weiteres Treffen mit etablierten Top-Fotografen freuen.

Gaby Westerkamp

 

Pressestimmen

Impressionen

Foto: Matthias Niehues, www.advantage-photo.de

impressionen-2013-01 impressionen-2013-02 impressionen-2013-03 impressionen-2013-04 impressionen-2013-05 impressionen-2013-06 impressionen-2013-07 impressionen-2013-08 impressionen-2013-09 impressionen-2013-10 impressionen-2013-11 impressionen-2013-12